Gesund – oder einfach nur nicht krank?
Warum Gesundheit für uns mehr bedeutet als Schmerzfreiheit und unauffällige Befunde
Wann hast Du Dich das letzte Mal gefragt, ob Du gesund bist?
- Nicht, ob Du gerade krank bist.
- Nicht, ob Dein Arzt etwas Auffälliges gefunden hat.
- Nicht, ob Du morgens irgendwie aus dem Bett kommst und Deinen Alltag bewältigst.
Fühlst Du Dich gesund?
Diese Frage beschäftigt mich immer wieder. Denn zwischen „Ich bin nicht krank“ und „Ich fühle mich gesund, leistungsfähig und wohl in meinem Körper“ liegt für mich ein ziemlich großer Unterschied.
Wann sind wir eigentlich gesund?
Wir haben uns daran gewöhnt, Gesundheit häufig über Krankheit zu definieren.
- Keine Diagnose? Gut.
- Blutwerte in Ordnung? Gut.
- Keine akuten Schmerzen? Noch besser.
Aber reicht das?
Was ist mit dem Menschen, der offiziell gesund ist, aber morgens schon müde aufsteht? Der nach einem Arbeitstag völlig erschöpft ist, kaum noch Kraft hat, schlecht schläft und sich seit Jahren immer weniger bewegt?
Was ist mit jemandem, der keine Rückenschmerzen hat, aber kaum noch in die Hocke kommt, keine ausreichende Muskelkraft besitzt und bei alltäglichen Belastungen schnell an seine Grenzen kommt?
Oder mit jemandem, dessen Körpergewicht auf der Waage vollkommen „normal“ erscheint, dessen Muskelmasse aber immer weiter abnimmt?
Sind diese Menschen gesund – oder sind sie im Moment einfach nur nicht krank?
Gesundheit ist für mich kein Zustand, sondern eine Fähigkeit
Je länger ich als Physiotherapeutin arbeite und Menschen im Training begleite, desto weniger sehe ich Gesundheit als einen festen Zustand.
Für mich bedeutet Gesundheit vor allem, dass unser Körper möglichst gut mit dem umgehen kann, was das Leben von ihm verlangt.
Zum Beispiel:
- Treppen steigen
- Etwas Schweres tragen
- Nach einem langen Arbeitstag noch Energie haben
- Sich nach Belastungen gut erholen
- Beweglich bleiben
- Kraft besitzen
- Gut schlafen
- Sich konzentrieren können
- Sich im eigenen Körper wohlfühlen
Gesundheit bedeutet für mich deshalb vor allem Belastbarkeit und Anpassungsfähigkeit.
Unser Körper ist dafür gemacht, auf Reize zu reagieren.
Muskeln werden stärker, wenn wir sie fordern. Unser Herz-Kreislauf-System passt sich an Ausdauerbelastungen an. Beweglichkeit kann erhalten oder verbessert werden. Stoffwechselprozesse reagieren auf Bewegung, Ernährung, Schlaf und Stress.
Aber genauso passt sich unser Körper auch an das Gegenteil an.
Wenn wir uns immer weniger bewegen, wird er nicht vorsorglich stark und leistungsfähig bleiben.
Er wird sich auch daran anpassen.
Schmerzfreiheit ist nicht automatisch Gesundheit
Gerade in der Physiotherapie erleben wir häufig, dass Menschen zu uns kommen, weil etwas weh tut.
Natürlich ist das erste Ziel häufig, Beschwerden zu reduzieren und wieder Bewegung zu ermöglichen.
Aber für uns sollte Therapie nicht dort aufhören, wo der Schmerz verschwindet.
Denn Schmerzfreiheit bedeutet noch nicht automatisch, dass ein Körper wieder belastbar ist.
Vielleicht tut die Schulter nicht mehr weh – aber hält sie Belastungen wieder stand?
Vielleicht ist der Rücken im Alltag beschwerdefrei – besitzt die Muskulatur aber genügend Kraft, damit das auch so bleibt?
Vielleicht funktioniert das Knie wieder – aber vertraut der Mensch seinem Körper auch wieder beim Sport, beim Treppensteigen oder beim Heben?
Genau deshalb gehören für uns Physiotherapie und Training so eng zusammen.
Wir möchten nicht nur dabei helfen, Beschwerden loszuwerden. Wir möchten Menschen dabei unterstützen, ihren Körper wieder belastbarer zu machen.
Und dann gibt es noch das, was wir von außen nicht sehen
Gesundheit lässt sich nicht allein am Spiegelbild erkennen.
Ein schlanker Körper ist nicht automatisch ein gesunder Körper. Genauso wenig lässt sich Gesundheit ausschließlich an Gewicht, BMI oder einem einzelnen Laborwert festmachen.
Muskelmasse, Körperzusammensetzung, Stoffwechselgesundheit, Ausdauer, Kraft, Schlaf, Ernährung, Stress und Regeneration beeinflussen sich gegenseitig.
Besonders Muskelmasse wird dabei meiner Meinung nach noch immer unterschätzt.
Muskeln sind nicht nur dafür da, gut auszusehen oder schwere Gewichte zu bewegen. Sie sind ein aktives Gewebe und spielen eine wichtige Rolle für unseren Stoffwechsel, unsere Stabilität, unsere Leistungsfähigkeit und dafür, wie gut wir auch im höheren Alter unseren Alltag selbstständig bewältigen können.
Vielleicht sollten wir deshalb viel früher anfangen, uns nicht nur zu fragen:
„Was habe ich?“
sondern auch:
„Was kann mein Körper?“
Wir können Gesundheit nicht vollständig kontrollieren
Das ist mir bei diesem Thema besonders wichtig.
Wir können nicht jede Erkrankung verhindern.
Wir können hervorragend trainieren, uns ausgewogen ernähren, ausreichend schlafen und trotzdem krank werden. Genetik, Alter, Umwelt, Infektionen und viele andere Faktoren können wir nicht vollständig beeinflussen.
Deshalb halte ich auch nichts von dem Versprechen, man müsse nur „alles richtig machen“, dann bleibe man gesund.
So einfach ist der menschliche Körper nicht.
Aber wir können an vielen Stellen die Voraussetzungen verbessern.
Wir können:
- Kraft aufbauen.
- Uns regelmäßig bewegen.
- Unsere Ernährung beeinflussen.
- Auf Regeneration achten.
- Lernen, unseren Körper wahrzunehmen.
- Veränderungen erkennen, bevor aus kleinen Einschränkungen große Probleme werden.
Für mich bedeutet Prävention deshalb nicht, Krankheiten mit Sicherheit zu verhindern.
Es bedeutet, dem Körper möglichst gute Voraussetzungen zu geben.
Vielleicht sollten wir Gesundheit anders betrachten
Nicht als etwas, das wir entweder haben oder nicht haben.
Sondern als etwas, um das wir uns kümmern.
Nicht aus Angst vor Krankheit.
Nicht aus dem Wunsch nach Perfektion.
Und auch nicht, weil wir mit 40 noch aussehen müssen wie mit 20.
Sondern weil es unglaublich wertvoll ist, einen Körper zu haben, auf den wir uns verlassen können.
Einen Körper, der uns durch unseren Alltag trägt. Der stark genug ist für die Dinge, die wir tun möchten. Der sich nach Belastungen erholen kann. Und in dem wir uns möglichst lange wohlfühlen.
Vielleicht ist deshalb die spannendere Frage gar nicht:
„Bin ich krank?“
Sondern:
„Was tue ich heute dafür, dass mein Körper auch morgen noch das kann, was mir wichtig ist?“
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